Nachdem der Glaube an intelligente extraterrestrische Lebensformen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und teilweise noch erheblich länger als Ausdruck uninformierten und unwissenschaftlichen Denkens angesehen worden ist – seinen Niederschlag findet diese Position noch in der weit verbreiteten Revised Paranormal Belief Scale von Tobacyk (2004), in dem das Item „There is life on other planets“ neben solchen wie „The number ‚13‘ is unlucky“ steht und Ausdruck paranormaler oder abergläubischer Glaubensvorstellungen darstellen soll –, hat sich die Situation im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte fundamental gewandelt. Mit der exponentiellen Entdeckung potenziell lebensfreundlicher Exo-Planeten wurden Vorstellungen extraterrestrischen Lebens wissenschaftlich wieder salonfähig. Mit großem Aufwand sucht man seit geraumer Zeit nach Signalen intelligenten Lebens in den Weiten des Alls (SETI). Sichtungen von unidentifizierten Flugobjekten mit sonderbarem Flugverhalten (UAPs/UFOs) finden auch außerhalb der UFO-Szene größere Beachtung. Die Modellierung von Szenarien eines Erstkontakts mit Aliens geschieht nicht mehr nur in fiktionalen Formaten wie der Science-Fiction-Literatur, sondern wird zunehmend auch im akademischen Bereich zu einem Thema, wie man etwa an den Arbeiten zu einer Exo-Soziologie (Schetsche & Anton) sehen kann. In diesem Kontext stellt der SETI Post Detection Hub eine relativ neue Organisation dar, die 2022 an der schottischen University of St. Andrews ins Leben gerufen wurde und die in dieser Studie des Monats vorgestellt wird.
Studie des Monats
Die von dem amerikanischen Psychiater Ian Stevenson (1918 – 2007) begründete Forschung zu Fällen von Kindern, die sich an vorangegangene Leben zu erinnern scheinen, den sogenannten Cases of Reincarnation Type (CORT), ist faszinierend. Sie wird auch nach Stevensons Tod an der von ihm gegründeten Division of Perceptual Studies (DOPS) an der University of Virginia weitergeführt. Das dort angelegte Archive enthält inzwischen mehr als 2.000 dokumentierte Fälle. Zu den bemerkenswertesten, aber auch sehr seltenen Fällen gehören diejenigen, in denen Kinder fremde Sprachen sprechen können, ohne sie erlernt zu haben. Man bezeichnet dieses Phänomen als Xenoglossie. Die Autor:innen der Studie des Monats, die an der DOPS arbeiten, stellen einen Vergleich von CORT-Fällen mit und ohne Xenoglossie an. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob sich die Xenoglossie-Fälle durch bestimmte Merkmale auszeichnen.
Die Vorstellung ist schrecklich: Man befindet sich in seinem Körper, ist bei klarem Bewusstein und nimmt die Umgebung wahr, die Gespräche der anwesenden Personen und ihr Handeln, jedoch die Mitwelt ist nicht in der Lage, meinen klaren Bewusstseinszustand zu erkennen. Ein Empfinden, das vielleicht dem des lebendig Begrabenseins ähneln mag. Genau einen solchen dramatischen Fall stellen die Autoren dieser Studie des Monats, Michael Nahm und Kolleg:innen, vor. Die Situation allein, die einem Horrorfilm entstammen könnte, wäre allerdings noch kein Grund, das Geschehen in einen Zusammenhang mit der Anomalistik zu bringen. Interessant wird er in dieser Hinsicht zum einen durch das Auftreten von außerkörperlichen Erfahrungen (AKEs) und den damit verknüpften Wahrnehmungen, zum anderen durch die Implikationen, die er für unser Verständnis vom Zusammenhang zwischen Bewusstseinstätigkeit und neurophysiologischen Korrelaten hat.
Der Autor dieser Studie des Monats kommt aus einem Bereich, in dem man üblicherweise nicht nach Literatur zu Themen der Anomalistik sucht, nämlich dem des Marketing Managements. Mark Tadajewski ist Professor für Marketing an der Universität York und Herausgeber des Journal of Marketing Management, der sich im Rahmen seiner Forschungstätigkeit einem Blick in die Wissenschaftsgeschichte und auch generell über den Tellerrand hinaus erlaubt. Die jüngsten Entwicklungen im technischen Bereich und hier vor allem die Brain-computer interfaces (BCI), die dem für die Parapsychologie zentralen Thema des Geist-Materie-Zusammenhangs (mind-matter) ganz neue Aspekte hinzufügen, haben wohl den Autor dazu gebracht, sich mit Telepathie und den historischen Auseinandersetzungen auf wissenschaftlicher und philosophischer Ebene zu beschäftigen. Man stößt dabei automatisch auf die Frage nach dem (multiplen) Selbst eines Menschen bzw. dessen Identität.
Nahtoderfahrungen (NDEs) haben als Forschungsgegenstand eine erstaunliche Themenkarriere während der letzten Dezennien durchgemacht. Dabei standen für lange Zeit positiv getönte Beschreibungen und Konzeptionen solcher Erfahrungen im Vordergrund, sowohl was das Erleben selbst als auch dessen Nachwirkungen auf das Leben der Betroffenen anbelangt. Ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass leidvoll erlebte Erfahrungen und Aspekte deutlich seltener vorkommen oder zumindest seltener berichtet werden. Die hier als Studie des Monats vorgestellte Untersuchung von Melloul et al. beschäftigt sich speziell mit Berichten von negativ erlebten NDEs. Mit einem qualitativen Forschungsansatz analysierten sie acht Berichte aus einem großen Datenpool der International Association for Near-Death Studies (IANDS), die den Auswahlkriterien entsprachen und eine hinreichend dichte Beschreibung aufwiesen.