Nachdem Nahtoderfahrungen (NTEs) lange Zeit unbeachtet von den Mainstreamwissenschaften blieben und ein typisches Forschungsthema der Grenzgebiete darstellten, hat sich seit einigen Jahren die Situation geändert. Vor allem Neurowissenschaftler versuchten sich in Erklärungen für diese oft äußerst beeindruckenden Erfahrungen, die starken Eindruck für die Betroffenen ausüben können und oft nachhaltige Auswirkungen auf die Lebensphasen danach haben. Erwartungsgemäß dominieren bei diesen Ansätzen reduktionistische Erklärungsmodelle, die NTEs bzw. einzelne Elemente der Phänomenologie auf Sauerstoffmangel im Gehirn, auf die Aktivierung bestimmter Hirnstrukturen, auf die Ausschüttung von Ketaminen, Endorphinen und anderen psychisch aktiven Substanzen zurückführen. Eine Forschergruppe um die belgische Neurowissenschaftlerin und NTE-Expertin Charlotte Martial hat Befunde aus solchen Ansätzen zusammengetragen und 2025 in einem Übersichtsartikel publiziert. Diese neurophysiologische Erklärung von Nahtoderfahrungen trägt als Namen das Akronym NEPTUNE (Neurophysiological Evolutionary Psychological Theory Understanding Near-Death Experience; Martial et al., 2025).
Theorien sind nur dann hilfreich, wenn sie mit den empirischen Daten und der Phänomenologie des modellierten Gegenstands – zumindest leidlich – in Übereinstimmung bringen lassen. Das ist bei NEPTUNE nicht der Fall, wie die hier vorgestellte Studie des Monats zeigt. Die beiden Autoren, Bruce Greyson und Marieta Pehlivanova, besitzen ebenfalls Expertenwissen bezüglich der Phänomenologie von NTEs. Sie würdigen in ihrem kritischen Aufsatz zwar die synthetische Leistung von Martial et al., zeigen aber dann deren Fehlstellen und Erklärungslücken auf. Es wird deutlich, wie mit NEPTUNE empirische Fakten ignoriert oder fehlinterpretiert werden, damit sie zu den neurophysiologischen Erklärungen passen. Daher wird das Modell den selbst gesteckten hohen Ansprüchen als eine umfassende Erklärung von NTEs nicht gerecht.
Die Originalstudie, auf die sich die Kritik von Greyson und Pehlinova bezieht:
Martial, C., Fritz, P., Gosseries, O., Bonhomme, V., Kondziella, D., Nelson, K., & Lejeune, N. (2025). A neuroscientific model of near-death experiences. Nature Reviews Neurology, 21(6), 297–311. https://doi.org/10.1038/s41582-025-01072-z
Dr. Michael Nahm hat ebenfalls eine Kritik zu dem NEPTUNE-Modell auf Grewi veröffentlicht, die man hier finden kann:
https://www.grewi.de/studie-konsistentes-physiologisches-muster-hinter-nahtoderfahrungen/